SBB Journal

Für Euch aufbereitet: Das SBB Journal ist unsere journalistische Seite, in der wir uns intensiv mit Themen befassen, die unser Arbeitsalltag mit sich bringt und von denen wir denken, dass darüber gesprochen und gelesen werden sollte. 

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LAura - Lernen und Arbeiten für Frauen aus aller Welt

LAura unterstützt bei der beruflichen Integration
Bei der SBB Kompetenz arbeite ich in dem ESF geförderten Projekt LAura. LAura bedeutet Lernen und Arbeiten im Quartier für Frauen aus aller Welt, das vom Bezirksamt Bergedorf eingeworben wurde. Wir arbeiten daran, berufliche Wege zu finden oder zu ebnen: Wege dahin, besser verstanden zu werden und besser zu verstehen. Viele der Frauen haben ihre Heimat nicht freiwillig verlassen, sie sind geflohen vor Krieg, Verfolgung.
 

Neue Welt, neue Sprache
Viele der Frauen haben ihre Heimat nicht freiwillig verlassen, sie sind geflohen vor Krieg oder Verfolgung.
Hier in Hamburg finden sie eine Welt, die ihnen fremd ist. „Bei uns in Tschetschenien dürfen muslimische Frauen keine Hosen anziehen, Alkohol und Rauchen sind verboten und als verheiratete Frau muss ich ein Kopftuch tragen“, erzählt die 38-jährige Elmira. „In Deutschland leben die Frauen anders, das war ungewohnt für mich, aber ich vermisse nichts“. In Deutschland versucht Elmira die Traditionen ihres Heimatlandes weiterzuführen - ohne das als Beeinträchtigung zu verstehen. „Manches ist eben anders. In Deutschland leben viele alte Menschen in einem Heim, in Tschetschenien bleibt traditionell der jüngste Sohn mit seiner Familie bei den Eltern und versorgt sie auch im Alter.“

Wenn die LAura-Teilnehmerinnen über kulturelle Unterschiede sprechen, dann geht es viel um Religiosität, Verhaltensregeln im Alltag, Familienleben und natürlich auch um die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Welche Freiheiten Frauen in einem Land besitzen, daran lassen sich kulturelle Unterschiede messen.
Sanja kommt aus Afghanistan und lebt seit sechs Jahren in Deutschland. In dieser Zeit hat sie große Unterschiede feststellen können:“ In Afghanistan sind die Frauen nur zu Hause. Sie kümmern sich um die Kinder, kochen und putzen: manchmal gehen sie mit der Familie zum Tempel oder zu einer Freundin, aber nie alleine. Sie dürfen nicht alleine nach draußen, nicht alleine einkaufen oder zum Arzt und sie dürfen sich keinen Job suchen.‘‘ Durch ihre Erfahrungen in Deutschland blickt sie heute aus einer anderen Perspektive auf ihr altes Leben. Durch den direkten Vergleich findet sie ein anderes Selbstverständnis als Frau:„ Ich finde, Männer und Frauen sollten gleichberechtigt sein. In Deutschland können Frauen ohne Angst mit ihren Kindern zum Arzt gehen und sie dürfen arbeiten gehen. Das ist sehr wichtig.“

Arbeit und Integration
Sanjana hat ein vierwöchiges Praktikum bei einem Drogeriemarkt absolviert. Auch das ist ein Programmpunkt in der bis zu neunmonatigen Qualifizierung im Projekt. Das L in LAura steht für Lernen, das große A für Arbeiten. Darunter verstehen wir neben einer theoretischen Vorbereitung auch eine praktische Phase, ein Sich-Erproben in einem Betrieb. Sanjana wollte unbedingt arbeiten. Im Vorgespräch brannte sie förmlich darauf. Als der Termin für den Praktikumsbeginn sich näherte, bekam sie große Zweifel, wollte sogar absagen. Erst nach mehreren Gesprächen konnte sie sich eine Teilnahme wieder vorstellen - mit anfänglicher Begleitung und zunächst weniger Stunden als geplant.

Selbstbewusstsein fördern
Wenn ich mir ihre Geschichte vergegenwärtige, die Bedingungen, unter denen sie aufgewachsen ist, kann ich ein bisschen ermessen, warum sie vor diesem Schritt zurückschreckte.
Auch die 59-jährige Alicia kommt aus Afghanistan. Sie teilt Sanjanas Erfahrungen und fügt hinzu: „Das Leben in Kantahar ist streng muslimisch, Frauen dürfen nur mit Burka auf die Straße. Als Mädchen durfte ich nicht zur Schule gehen. Ich wäre gern zur Schule gegangen, aber als ich nach Deutschland kam, war ich dafür zu alt. Aber zum Glück haben meine drei Kinder alle eine gute Schulbildung in Deutschland erhalten.‘‘ Alicias Kinder arbeiten heute als Ingenieur bei Airbus, als Grafikdesignerin, einer ist Inhaber eines Geschäfts in Hamburg. Berufslaufbahnen, die für sie in ihrer Heimat undenkbar gewesen wären.

Daher sind Elmira, Sanjana und Alicia froh darüber, in Deutschland zu sein. Sie sind dankbar für die Chancen, die sich ihnen eröffnen. Trotzdem haben sie auch Heimweh, ein Gefühl der Fremdheit ist oft gegenwärtig. Im Kontakt mit den Frauen bekomme ich selbst auch einen anderen Blick auf unsere Kultur, scheinbar Selbstverständliches ist plötzlich weniger selbstverständlich. In diesem Hinterfragen der eigenen Kultur und damit auch der eigenen Person, das spüre ich, liegt eine große Chance für persönliches Wachstum. Gerade durch diesen Austausch können wir der Angst vor dem Fremden entgegenwirken.

Von Julia Ghafari-Nazari

Kooperationspartner

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