SBB Journal

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Der Umgang mit der Verschwörung

Verschwörungstheorien können humorvoll und harmlos sein – wie etwa das hartnäckige Gerücht, dass die amerikanische Militärbasis Area 51 in der Wüste Nevadas außerirdische Lebensformen beherbergen soll. Doch viele Theorien können schädlich und gefährlich werden. Ein aktuelles Beispiel stellt der Irrglaube dar, dass Impfungen Autismus verursachen können oder dass der Ausbau von 5G Netzwerken irgendwie mit dem Coronavirus zusammenhängt.
Durch das Internet bekommen diese wirren Vermutungen eine enorme Reichweite und gleichgesinnte Verschwörungstheoretiker können sich mühelos zusammenfinden, um ihr Gedankengut auszutauschen und zu verbreiten.

Wie geht man also damit um, wenn man auf Sozialen Netzwerken oder im Privatleben mit Verschwörungstheorien konfrontiert wird? Wenn plötzlich Freunde oder Verwandte beginnen, an Chemtrails, die Illuminaten oder eine flache Erde zu glauben?

  1. Stärke die emotionale Verbindung
  2. Zeige Wertschätzung und Respekt
  3. Frag nach

 

Radikalisierungsprozesse erkennen

Wichtig ist festzustellen, dass es sich bei diesem Prozess um eine Form von Radikalisierung handelt. Radikalisierung beginnt bei den Sorgen und Ängsten von Menschen, und kanalisiert sie in starke Meinungen und eine neue Art der Persönlichkeit, in die man sich flüchten kann.
Plötzlich werden eigentlich zurückhaltende Menschen belehrend und abwertend. Sie sind von ihrer neuen Weltanschauung überzeugt und haben das Gefühl, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Zweifel an diesem Durchblick werden als persönliche Kritik gewertet, als Angriff auf die eigene Person.

Wenn wir verstehen, wie diese Radikalisierungsprozesse vonstattengehen, fällt es uns einfacher richtig damit umzugehen. Und das ist wichtig, denn nur Freunde und Familie haben eine realistische Chance, diese Veränderung zu erkennen und entsprechend zu handeln.
Das klingt vielleicht übertrieben, aber viele Verschwörungstheorien stellen einen Zugang zu diskriminierendem, extremistischem oder antisemitischem Gedankengut dar.
So kann im Extremfall ein geliebter Mensch zur Gefahr für sich und andere werden. Daher ist es wichtig, die Entwicklung von Menschen, die diese verschwörerischen Tendenzen aufweisen zu beobachten.
Der Umgang mit Radikalisierung im engeren Umfeld ist dementsprechend heikel und konfliktgeladen. Daher sind hier ein paar Tipps für den Umgang mit Radikalisierung im engeren Umfeld.


1. Stärke die emotionale Verbindung

Realistisch gesehen wirst du deinem Gegenüber die Ansichten nicht ausreden können. Das Internet ermöglicht es, für jeden Irrglauben genug Zuspruch und vermeintliche Beweise zu finden, sodass faktischer Diskurs wenig möglich sein wird.
Viele Verschwörungen zielen ironischerweise darauf ab, dass die Informationen, die der breiten Masse zur Verfügung stehen bewusst manipuliert sind und erschweren so den Aufklärungsprozess.  Radikalisierung ist meistens eine Äußerung innerer Ängste oder Sorgen.
In dem Gespräch sollte es darum gehen, auf das Leben abseits der Radikalisierung zu sprechen zu kommen. Es geht darum, auf den Kern zu stoßen, warum diese extremen Ansichten überhaupt Fuß fassen konnten. Häufig kann einfach schon Mangel and Zuspruch und Aufmerksamkeit der Grund sein. Nutze die Verbindung, die du zu der Person hast, um dich auf das Vertrauen zu berufen, das zwischen euch besteht. Häufig ist auch nur der Wunsch nach Sicherheit der Auslöser für Radikalisierung.

Gleichzeit solltest du dir jedoch vor dem Gespräch klarmachen, wo deine persönlichen Grenzen liegen. Von dir kann nicht erwartet werden, dir stundenlang wirre Tiraden eines Holocaust-Leugners anzuhören – und dessen solltest du dir bewusst sein.

2. Zeige Wertschätzung und Respekt

Dein Gegenüber mag jetzt fremd wirken, abweisend oder aggressiv. Hier musst du dich (innerhalb deiner Grenzen) darauf besinnen, dass er oder sie immer noch dieselbe Person ist, die unter der neuen Persönlichkeit liegt. Bring deine Sympathie zum Ausdruck, beruf dich auf die Verbindung, die ihr teilt. Jetzt gerade hat dein Gegenüber menschliche Wärme dringender nötig als je zuvor.
Versuch auch dir bewusst zu machen, dass Radikalisierung in den meisten Fällen kein einsamer Prozess ist, sondern über persönliche Kontakte ausgelöst und befeuert wird. Anhänger*innen von Verschwörungstheorien werden über Social Media, Dating- oder Messaging-Apps bewusst manipuliert und rekrutiert. Jeder macht mal harte Zeiten durch, und kann anfällig für einige gut gemeinte Ratschläge oder Einsichten sein, die zum richtigen Zeitpunkt angeboten werden. Urteile also nicht zu harsch über deinen Gegenüber, aber akzeptiere nicht aus Mitleid das toxische Verhalten.

6. Frag nach

Versuche, einzuschätzen, wie das Leben deines Gegenübers aktuell aussieht. Gab es berufliche oder private Veränderungen, die diesen Wandel ausgelöst haben könnten? Finde heraus, welches Bedürfnis durch die Radikalisierung befriedigt wird. Die Suche nach Gemeinschaft, nach Sicherheit? Die Sorge um einen anderen Menschen? Woher bezieht die Person ihr radikales Gedankengut?
Die Antworten auf diese Fragen könnten ein Muster ergeben, aus dem sich der Weg aus der Radikalisierung abzeichnen kann. Bieten neue, radikale Freunde Aufmerksamkeit und Zuneigung? Hat die Person das Gefühl, mit der Verbreitung vermeintlich aufgeklärten Wissens etwas Gutes zu tun? Wenn diese Auslöser und Impulse identifiziert werden, kann das Problem an der Wurzel bekämpft werden.

Dieser ganze Prozess kann emotional belastend sein, und ist insofern ungerecht, dass man diese Aufgabe nicht gewählt hat. Deradikalisierung kostet Zeit und Energie, und kann mitunter frustrierend und verletzend sein. Aber meistens ist nur der engste Bekanntenkreis sowohl in der Lage, die Radikalisierung zu erkennen, als auch willens, etwas dagegen zu tun.

Empfehlung zum Weiterlesen: https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/medienpaedagogik/270188/verschwoerungstheorien
 

Von Leon Conor Jiriki Thöle

Kooperationspartner

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